12.05.2026
Die Ergebnisse der 170. Steuerschätzung weisen einen gesamtstaatlichen Rückstand von fast 17,8 Milliarden Euro aus. Allein für den Bund fehlten 2027 rund 10,1 Milliarden Euro gegenüber der Herbstschätzung, so die Deutsch Steuer-Gewerkschaft (DSTG).
Für deren Bundesvorsitzenden Florian Köbler liegt das nicht nur an der schwächeren Konjunktur infolge des Iran-Kriegs. Vielmehr habe der deutsche Staat neben der Einnahmeseite ein strukturelles Problem auf der Vollzugsseite.
Die Steuerschätzung messe, was der Staat einnimmt, nicht aber, was ihm entgeht. Die Steuerlücke in Deutschland liege nach Berechnungen der EU-Kommission allein beim Umsatzsteuer-Ausfall bei über 31 Milliarden Euro jährlich – Tendenz steigend, weil Finanzkriminalität internationaler, digitaler und komplexer wird. Hinzu kämen Einnahmeverluste durch Steuerhinterziehung, aggressive Steuergestaltung und nicht vollzogene Betriebsprüfungen. Diese Lücken schlössen sich nicht von selbst, vor allem nicht durch konjunkturelles Wachstum allein, so die DSTG.
"Wir diskutieren über zehn Milliarden Euro weniger. Wir sollten auch darüber reden, welche zweistelligen Milliardenbeträge jedes Jahr liegen bleiben – weil der Vollzug nicht die Ressourcen hat, sie zu heben", so Köbler. Es gebe drei Bausteine für mehr "steuerliche Einnahmestärke".
Erstens müsse die Finanzkriminalität entschlossen bekämpft werden. Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) habe mit seinem Aktionsplan gegen Steuerkriminalität die Stoßrichtung vorgegeben. Jetzt komme es auf die Umsetzung an. KI-gestützte Datenplattformen, Hinweisgeber-Portale und modernisierte Selbstanzeigeregelungen wirkten nur, wenn dahinter Strukturen stehen, die sie tragen: qualifizierte Fachkräfte, ein modernes Datenzugangsrecht und klare Zuständigkeiten zwischen Bund und Ländern.
Zweitens gelte es, die Digitalisierung der Steuerverwaltung konsequent voranzutreiben. Deutschland sei im europäischen Vergleich bei der Verwaltungsdigitalisierung Schlusslicht. Das kostet laut DSTG nicht nur Effizienz – es kostet Einnahmen. Wer Steuerpflichtige digital abholt, Daten intelligent verknüpft und Prüfungskapazitäten auf Risikofälle konzentriert, hole mehr aus dem bestehenden System heraus.
Und drittens müsse man den Vollzug als eigenständigen Hebel der Haushaltspolitik begreifen. Investitionen in die Steuerverwaltung zahlten sich mehrfach zurück. Jeder Euro, der in Betriebsprüfung, Steuerfahndung und Vollzugstechnologie fließt, generiere ein Vielfaches an Mehrergebnissen. Diese Logik fehle in der aktuellen Haushaltsdebatte
"Schwache Konjunktur bedeutet: Der Staat braucht jeden Euro, den er beanspruchen kann. Genau dann ist der Moment, den Vollzug zu priorisieren – nicht zu vertagen", so Köbler. Wer die Steuerlücke ernstnimmt, könne die Haushaltslücke nachhaltig bekämpfen.
Deutsche Steuer-Gewerkschaft, PM vom 07.05.2026